
Alarmzeichen bei Evotec: Deutlicher Umsatzrückgang
Statt eines langsamen Greifens der Restrukturierungsmaßnahmen und des Sparprogramms vermeldet die Hamburger Evotec einen deutlichen Rückgang des Umsatzes zum ersten Halbjahr und senkt die Jahresprognose. Der vorbörsliche Kurs rutscht kräftig nach unten. Die Fragezeichen um das Unternehmen werden damit wieder größer und die Erwartungshaltung ebenfalls, dass jetzt endlich ein Neustart gelingen möge. Ein Kommentar.
Das klang im Frühjahr noch ganz anders, Hoffnung auf ein Wachstum wurde damals gar geschürt. Die aktuelle Prognosesenkung von Evotec markiert einen weiteren Rückschlag für den Hamburger Wirkstoffforscher. Noch bei der Vorlage der Jahreszahlen hatte das Unternehmen für 2026 eine Rückkehr zu profitablem Wachstum in Aussicht gestellt. Davon bleibt nun wenig übrig. Statt eines Umsatzes von 700 bis 780 Mio. Euro rechnet Evotec nur noch mit 570 bis 610 Mio. Euro. Besonders gravierend ist die Entwicklung beim operativen Ergebnis: Aus einem ursprünglich erwarteten positiven bereinigten EBITDA zwischen 0 und 40 Mio. Euro wird nun ein Verlust von 70 bis 105 Mio. Euro.
Evotec muss den Neustart verschieben
Damit räumt das Management faktisch ein, dass die eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen und die erhoffte Belebung des Geschäfts deutlich langsamer greifen als angekündigt. Für Investoren ist dies weniger eine gewöhnliche Prognoseanpassung als vielmehr ein Hinweis darauf, dass sich der operative Turnaround mindestens um ein weiteres Jahr verschiebt.
Hinzu kommt, dass die neue Prognose kaum noch Spielraum für eine deutliche Verbesserung im zweiten Halbjahr lässt. Zwar verfügt Evotec mit rund 466 Mio. Euro weiterhin über eine solide Liquiditätsposition, doch das Unternehmen verbrennt weiterhin erhebliche Mittel.
Für den Kapitalmarkt dürfte vor allem ein Aspekt schwer wiegen: Bereits im vergangenen Jahr hatte Evotec einen tiefgreifenden Umbau eingeleitet, zahlreiche Kostenprogramme gestartet und einen Strategiewechsel angekündigt. Die jetzige Prognose zeigt, dass diese Maßnahmen bislang nicht ausreichen, um die Ertragskraft nachhaltig zu stabilisieren. Die entscheidende Frage lautet deshalb inzwischen weniger, ob Evotec den Turnaround schafft, sondern wann. Bislang war 2026 das Jahr, in dem das Unternehmen wieder auf einen profitablen Wachstumskurs einschwenken wollte. Mit der neuen Prognose dürfte dieses Ziel nun frühestens 2027 erreichbar sein.
Kommentar:
Evotec war jahrelang an der Börse mit der Geschichte bewertet worden, dass sein Plattformmodell – Forschungsdienstleistungen plus Beteiligungen plus eigene Pipeline – dauerhaft hohe Wachstumsraten ermöglichen würde. Genau dieses Narrativ gerät nun ins Wanken. Nicht nur der Umsatz sinkt deutlich stärker als erwartet, sondern gleichzeitig verschlechtert sich auch die Profitabilität. Das deutet darauf hin, dass die Auslastung der Forschungs- und Produktionskapazitäten unter Druck steht und die Fixkosten derzeit nicht ausreichend gedeckt werden.
Vielleicht muss man die Mitteilung weniger als Bankrotterklärung, sondern eher als Eingeständnis eines deutlich tieferen strukturellen Problems interpretieren. Die Restrukturierung dauert länger, kostet mehr Geld und liefert später Ergebnisse als ursprünglich versprochen. Das kann passieren. Doch gleichzeitig hat man als Beobachter das Gefühl, so etwas Ähnliches schon einmal gesehen zu haben, wenn auch mit leicht anderen Vorzeichen. Ich spreche von der Martinsrieder Firma Morphosys, die ebenfalls eine Technologieplattform über Jahre als Dienstleistungsangebot ausschlachtete und über die Kooperationsdeals viele Hundert Millionen Euro aufs Bankkonto schaufelte. Nur selten wurde das Geld für ein Innovationsupdate genutzt, eher steckte man es dann in eine eigene, teure Medikamentenentwicklung. Dies schuf sogar weiteres Vertrauen, begründete weitere Partnerschaften doch fesselte man sich damit gleichsam selbst an die vor vielen Jahren spannende Technologieplattform und übersah, dass ringsherum bereits neue Modalitäten und Anpassungen die viel größere Aufmerksamkeit der Pharmagrößen erhielt. In der Kurzform der Geschichte blieb als einzige Exitstrategie, sich mit Wirkstoffen von außen zu verstärken und so „hübsch“ für eine Übernahme zu machen, die dann auch gelang. Das Ende der Geschichte.
Bei Evotec liegt nun ähnlich viel Geld auf dem Konto, was damit eigentlich passieren soll, ist jedoch völlig unklar. Zukauf von neuen Technologien? Ist das viele Geld eine Art Übernahmebremse für den Aufkauf durch einen bisherigen Konkurrenten? Gibt es überhaupt eine Übernahmephantasie oder irgendeine Art von Phantasie, was da in Hamburg als neue Strategie ausgekocht werden könnte?
Denn eines ist ziemlich klar: alleine mit Sparmaßnahmen, Stellenkürzungen und Standortschließungen schafft man kein neues Narrativ, beflügelt man keine Phantasie. Die iPS-Stammzelltechnologie mag noch immer eine sehr gute Grundlage sein, um patientennahe Modellsysteme in der Hand zu halten für die Wirkstoffforschung. Doch der größere Zug der Pharmafirmen ist längst auf den Weg nach China abgebogen und holt sich rings um Shanghai oder anderswo all die denkbaren und aktuellen Technologieplattformen oder gleich die ausgewählten Wirkstoffkandidaten, eventuell schon mit klinischen Daten. Hier hat Evotec massive Lücken im Vergleich.
Die Partnerschaft mit Bristol Myers Squibb war bisher das größte Pfund mit dem Evotec wuchern konnte, die Meilensteinmillionen regelmäßig eine Bestätigung, dass aus der Wirkstoffforschung relevante Kandidaten herauskommen. Doch die Millionen sind mittlerweile ein Tropfen auf den heißen Stein der Burnrate des Konzerns. Es muss etwas passieren, wenn nicht die besonders schwarzmalerischen Kommentare, die schon von einer drohenden Insolvenz reden, recht bekommen sollen.
Übrigens muss man nicht einmal bis nach China schauen, ein großes chinesisches Unternehmen wie Wuxi AppTec will seinen europäischen Fußabdruck deutlich ausbauen. Auch dabei sollten in Hamburg die Alarmglocken laut klingeln.
Evotec: bitte endlich aufwachen!
Georg Kääb

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